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22.03.2010 13:52

Alles Böse

von Katrin Diel

 

1

„Vor zwei Wochen hab ich für meine Freundin eine Orchidee gekauft“, erzählte Andersen. „Eine recht große, hochgewachsene. Hat 13,30 gekostet, davon 3,50 für den Topf.“ Er machte eine kurze Pause, die wohl dramatisch sein sollte. „Und gestern hab ich eine für meine Mutter geholt, im gleichen Laden. Kleinere Pflanze, kleinerer Topf, aber teurer. Das versteh ich nicht.“
Ronellenfitsch seufzte innerlich. Er hatte Andersen nur zur Hälfte zugehört. Was für ein lächerliches Problem, sich wegen zwei Orchideen und ein paar Euro Gedanken zu machen.
„Am Sonntag ist Muttertag, Andersen“, sagte Ronellenfitsch. „Da werden Blumen teurer verkauft.“
„Ach so. Ja, ist ja logisch, das macht Sinn.“
Andersens Weltbild war wiederhergestellt. Wenn das nur immer so einfach wäre.
Ronellenfitsch nippte an seinem Espresso, der kalt geworden war. Von den Nudeln mit Käsesoße auf seinem Teller war noch die Hälfte übrig.
„Ich muss zurück ins Büro“, sagte er zu Andersen. Er stand auf, räumte sein Tablett ins Regal und verließ die Kantine.
Er hatte keinen Hunger. Und er hatte nicht das Gefühl, dass er je wieder Hunger haben würde.
Am Morgen hatte er herausgefunden, wer der Mann war. Er arbeitete im Vertrieb und hieß Kranichl. Was für ein bescheuerter Name. Edgar Kranichl. Das war eigentlich noch schlimmer als Carl Ronellenfitsch. Kranich, das wäre vielleicht ein stolzer Name gewesen. Aber Kranichl. Ein einziger Buchstabe, der alles zunichte machte. Nein, Ronellenfitsch konnte seine Frau nicht verstehen. Warum hatte sie sich nicht wenigstens einen Mann mit einem schönen, edlen Namen ausgesucht? Alexander Schiller, zum Beispiel. Ein Eroberer, ein Dichter. Das hätte er verstanden. Da hätte ein Carl Ronellenfitsch nicht mithalten können. Obwohl der Carl gar nicht so schlecht war. Ein bisschen langweilig vielleicht. Ja, das war vermutlich das Problem.
Er hatte beschlossen, sofort nachdem er es erfahren hatte, dass Edgar Kranichl eine Abreibung erhalten musste. Nein, er würde ihn nicht in einer peinlichen Szene in der Kantine oder auf dem Flur zur Rede stellen oder ihn auf dem Parkplatz zu einer Prügelei herausfordern. Auch wenn das angesichts ihrer lächerlichen Namen vielleicht angemessen wäre. Nein, es sollte eine ordentliche Abreibung werden. Eine, die Kranichl nicht vergessen und die er nie mit ihm in Verbindung bringen würde. Ronellenfitsch kannte da jemanden, der das erledigen würde. Er würde sich nicht selbst die Finger schmutzig machen. Es würde ein bisschen was kosten, einen Tausender vielleicht, aber das musste man investieren.

 


2

Zwei Wochen später...

 

Ronellenfitsch schwitzte. Er saß an seinem Schreibtisch, seit einer Stunde, ohne zu arbeiten. Er hatte nicht die Nerven dazu. Er hatte für nichts die Nerven.
Er musste an seine Kommunion denken. Wie er in seinem feinen Anzug andächtig in der Kirche gesessen hatte, vor ihm die brennende Kerze, um ihn herum andere Neunjährige – kleine Kinder, die nichts wussten von der Welt und an die Geschichte vom leeren Grab glaubten. Der Pfarrer hatte am Ende seiner Predigt einen Satz zu ihnen gesagt, den Ronellenfitsch niemals vergessen hatte. „Gott hält alles Böse von dir fern.“ Das hatte der Pfarrer gesagt, ganz ernsthaft. Was für eine unglaubliche, unverschämte Lüge! Wie konnte man neun Jahre alten Kindern so etwas erzählen? Wie konnte man das irgend jemandem versprechen?

Es hatte damit angefangen, dass Kranichl nicht zur Arbeit erschienen war. Er hatte das am Morgen im Fahrstuhl gehört, ein zufälliges, beiläufiges Gespräch und gar nicht für seine Ohren bestimmt. Aber er stand halt daneben, wo sollte man hin in einem Fahrstuhl, wie sollte man weghören? Und es war ja auch nichts Verfängliches, wenn Edgar Kranichl mal nicht zur Arbeit erschien.
Nachdem Ronellenfitsch in seinem Büro angekommen war, hatten sich die Ereignisse überschlagen. Das Telefon klingelte, Andersen war dran und sagte: „Der Kranichl ist tot, schon gehört, der ist tot, den hat jemand umgebracht, stell dir das mal vor, mit dem Messer, erstochen in seiner Wohnung, lag im Flur, gleich hinter der Tür, seine Freundin hat ihn gefunden.“ Seine Freundin. An diesem Punkt floss Ronellenfitsch der Schweiß schon aus allen Poren. „Seine Freundin, meinst du etwa, meine Frau?“, wollte er Andersen fragen, aber das ging ja schlecht. „Es ist gestern Abend passiert, oder in der Nacht“, berichtete Andersen weiter. „Woher weißt du das alles,?“, wollte er Andersen fragen, aber er hatte keine Spucke dafür. „Das ist ja unfassbar“, sagte er stattdessen mit trockenem Mund. Er war sich bewusst, dass es nicht besonders überrascht klang. Obwohl er vollkommen aufgewühlt und in der Tat ziemlich überrascht war.
Er musste mit Pietro reden. So war das doch nicht geplant gewesen, was war da nur passiert? Das war alles ein großes Missverständnis. So würde er es vor Gericht sagen, dachte Ronellenfitsch, und dass er so was wirklich nicht gewollt hatte. Hatte er ja auch nicht, selbst wenn er Kranichl tief in seinem Unterbewusstsein natürlich am liebsten hatte tot sehen wollen. Jetzt, wo es tatsächlich so war, vermisste Ronellenfitsch jegliches Gefühl von Befriedigung.
Pietro musste da etwas missverstanden haben, oder die Sache war eskaliert. Er musste ihn unbedingt anrufen. Endlich brachte Ronellenfitsch die Kraft auf, den Hörer abzuheben und die Nummer zu wählen.
Er kannte Pietro seit ihrer gemeinsamen Zeit in der Grundschule. Sie waren von der ersten bis zur vierten Klasse beste Freunde gewesen und hatten sich auch danach nie aus den Augen verloren, obwohl ihre Lebenswege komplett unterschiedlich verlaufen waren. Pietro hatte die Hauptschule abgebrochen, arbeitete wie sein Vater als schlecht bezahlter Verputzer und ernährte seine Frau und seine vier Kinder von gelegentlichen krummen Geschäften. Als er einmal wegen Körperverletzung angeklagt war, hatte Ronellenfitsch ihm einen Anwalt besorgt, der eine Bewährungsstrafe für Pietro aushandeln konnte.
„Gut, dass du anrufst“, begrüßte Pietro ihn. Er klang kratzig und weit entfernt, der Empfang war schlecht. „Ich brauch noch mal die Adresse von diesem Typen, ich find den Zettel nicht mehr, den du mir gegeben hast. Hab ich wohl verloren.“
Ronellenfitsch brauchte einen Moment, bis die Worte zu ihm durchdrangen.
„Die Sache ist noch nicht erledigt?“, fragte er.
„Nein, ich sag doch, ich find den Zettel mit der Adresse nicht mehr. Aber mach dir keine Sorgen. Ich erledige das. Heute noch. Ich mach das. Wie vereinbart. Und die andere Hälfte der Kohle danach. Wie vereinbart.“
Erleichterung. Ronellenfitsch fiel fast der Hörer aus der Hand, als sich sein ganzer Körper plötzlich entspannte.
„Nein, lass mal“, sagte er, nachdem er sich einigermaßen gefangen hatte. Er hatte Tränen in den Augen, so froh war er in diesem Moment. „Lass mal, ich hab’s mir anders überlegt. Die erste Hälfte vom Geld kannst du natürlich behalten“, fügte er hinzu.
Nachdem er aufgelegt hatte, fing er an zu lachen. Er lachte laut und lange. Es war sicherlich nicht angebracht, schließlich war ein Kollege von ihm gestorben und seine Frau – für die er in diesem Punkt allerdings nicht gerade viel Mitleid empfand – hatte ihren Liebhaber verloren. Aber er war einfach so verdammt erleichtert.
Dann klingelte wieder das Telefon, und diesmal war es seine Frau.
„Ich hab gehört, ein Kollege von dir ist ermordet worden“, sagte sie. „Das ist ja entsetzlich. Hast du ihn gut gekannt?“
Er fragte sich nicht, woher sie es wusste. Er registrierte nur, dass ihre Stimme völlig normal war. Nicht wie die einer Frau, die ihren Liebhaber ermordet aufgefunden hatte.
„Hör zu“, sagte seine Frau. „Bist du heute Abend daheim? Wir müssen mal reden.“
„Ich weiß schon“, sagte er, obwohl ihm klar war, dass etwas nicht zusammen passte. „Ich weiß, dass du mit ihm ein Verhältnis hattest.“
„Was meinst du?“
„Mit Kranichl. Edgar Kranichl. Der jetzt tot ist. Nimmt dich ja nicht besonders mit, dass er ermordet wurde.“
„Das stimmt nicht“, sagte seine Frau, ehrlich verblüfft. „Es stimmt, ich hatte ein Verhältnis. Eigentlich wollte ich darüber nicht am Telefon reden. Ich weiß nicht, wie du auf diesen Kranichl kommst. Ich hatte ein Verhältnis. Mit Thomas Andersen. Es ist aber vorbei. Ich will mit dir zusammen bleiben. Er ist darüber nicht besonders glücklich.“
Die letzten drei Sätze hörte Ronellenfitsch nicht mehr richtig. Also doch. Ein Mann mit einem schönen Namen. Einem normalen Namen wenigstens. Thomas Andersen.
Ronellenfitsch hatte keine Zeit, sich über die Bedeutung dieses Geständnisses oder das Ausmaß des Betrugs von Thomas Andersen Gedanken zu machen. Erleichtert zu sein, dass er nicht beinahe dem Falschen eine Abreibung erteilt hatte. Sich zu fragen, ob Andersen einen Groll gegen Kranichl gehegt und auf seine überhitzte Reaktion gehofft hatte. Oder an die Orchidee zu denken, die seit ein paar Wochen auf dem Fensterbrett im Wohnzimmer stand.
Als das Gespräch mit seiner Frau beendet war, klopfte es an der Bürotür.
Die Sekretärin kam herein.
„Entschuldigen Sie, Herr Ronellenfitsch...“ Zwei Männer in Anzügen drängten sich an ihr vorbei, bevor sie ihrer Einleitung noch etwas hinzufügen konnte, gefolgt von zwei Männern in Uniform.
„Carl Ronellenfitsch“, sagte einer der Polizisten im Anzug. „Wir müssen sie vorläufig festnehmen. Sie werden dringend verdächtigt, den Mord an Edgar Kranichl beauftragt zu haben.“
„Das stimmt nicht“, sagte Ronellenfitsch tonlos, während man ihm Handschellen anlegte.
„Wir haben gerade ihren Komplizen Pietro Perrone festgenommen“, sagte der andere Anzugtyp. „Wir haben den dringenden Verdacht, dass er die Tat ausgeführt hat. Und er hat sie als seinen Auftraggeber benannt.“
„Das stimmt nicht“, wiederholte Ronellenfitsch.
Als die Polizisten ihn hinausführten, stand Andersen vor dem Fahrstuhl und nickte ihm zu.

 

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