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08.03.2010 21:31

Anfang März, im Innenhof

von Markus Sehl

Anfang März, im Innenhof

Am Tag, nach dem diese kleine Eisläuferin im Finallauf einen vierfachen Salchow versuchte, sie war dabei zunächst scheu, ganz bei sich ein paar Runden über die Fläche geschwebt, gepirscht, hatte abgehoben, war in die Höhe geschnellt, wirbelte eine Bewegung, peitschte wie ein Schuss in der Halle, berührte sie dann wieder das Eis mit der Kufenspitze, ich glaube es war der linke Fuß, muss der Linke gewesen sein, es war als habe sie die Schraubfigur schon beendet, schon wollte ihr ein Lächeln gelingen, da ein Zucken, von ihrem Fuß aus durch den Körper fahrend, alle sahen, dass sie die Kraft ihrer Drehung nicht aushielt, sie hatte zuviel Schwung hineingelegt, knickte ein, brach in sich zusammen, das Eis unter ihr blieb hart, wollte nicht nachgeben, sie die Figur ausgleiten lassen, zwang sie einzubrechen, auszuschlittern, das Gesicht auf die glatte Fläche gedrückt, keine Blicke für die Welt, rutschte sie aus dem Bild, just an dem Tag danach traf ich meinen Nachbarn Konrad im Hof und er hatte einen schwarzen Regenschirm bei sich.                      

Konrad zog den Schal enger um seinen Hals und wir knirschten auf dem aufgetauten Streusalz. Von dem Sturz der kleinen Eisläuferin hatte er nicht gehört. Ich zeigte auf eine schattige Stelle im Hof, dort lag eine Taube, die mit ihrem Kopf in einem letzten grauen Schneehaufen steckte.

09.03.2010 01:18 Kommentar von Moritz Gause

Sprünge und Läufe

Lieber Markus, ich habe Deinen Text mit großer Begeisterung gelesen - die Dynamik kommt der eines (Eiskunstlauf-)Sprunges sehr nahe. Die Ausdehnung des Sprungmomentes ist schön eingefangen. Dann habe ich, in Unkenntnis der verschiedenen Sprungvarianten im Eiskunstlauf, genauer recherchiert - und gelesen, dass ein vierfacher Salchow etwas ganz besonderes ist. Da fragte ich mich - vielleicht ist das ein bisschen zu sehr von der pedantischen Seite her betrachtet - ob man den Sprung an sich (d.h. die Phase der Drehung, die ja immerhin vierfach ist) nicht NOCH präziser beschreiben könnte. Es beginnt sehr spannend: "Am Tag, an dem diese kleine Eisläuferin..." es folgt die Art und Weise ihrer Bewegung über das Eis - aber keine Rede davon, dass bis auf den Axel jeder Sprung rückwärts eingelaufen wird, und wie die Dame abspringt (von der Kante aus). - Das wäre vielleicht noch anschaulicher - so habe ich eine Melange aller Bilder vor Augen, die ich vom Eiskunstlauf kenne, aber nicht diesen einen, sehr speziellen Moment; man könnte vielleicht einwenden, das der Text gerade aus der allgemeinen Kenntnis seine Anschaulichkeit bezieht, aber gerade weil sich der Text so stark auf diesen einen Moment konzentriert, will ich als Leser auch von genau diesem Moment lesen. Rein stilistisch: Ich weiß, dass die Einfassung in einen Satz Dynamik bringt - an manchen Stellen allerdings bin ich mir unsicher, ob es rein grammatisch gesehen passt. Auch läufst Du an dieser Stelle Gefahr, die Magie dieses Augenblicks für ein Kunststück mit einem Satz aufzugeben. Die Parallelisierung von Taube und Eiskunstläuferin finde ich an sich sehr gelungen, aber Du hast mir ja von der Taube erzählt, und das wesentlich detaillierter - vielleicht könntest Du das auch in die Miniatur einbringen? - Das würde auch das Bild arg verstärken - so bleibt es eine Allerweltstaube - und davon gibt es wahrlich genug.
09.03.2010 17:58 Kommentar von moleskine

Wenn ich als Literaturpreisträger

auch so einen Unfug wie diesen Kommentar von Moritz Gause schreiben muss, dann will ich keiner sein.
10.03.2010 13:53 Kommentar von Moritz Gause

Ich als Mensch, liebes Notizbuch,

versuche mein Bestes. Was genau stimmt denn mit meinem Kommentar nicht, ist die Kritik unsachlich, oder nicht fundiert? - Ich würde gern Stellung beziehen, vielleicht kommt ja bei einer sachlichen Diskussion etwas produktives heraus.
11.03.2010 18:32 Kommentar von Katrin Diel

Pedantisch

Nun, Moritz hat sicher recht damit, dass man beim Schreiben so genau wie möglich sein und auch recherchieren sollte - den Kommentar finde ich aber trotzdem zu pedantisch und kann ihn auch nicht ganz nachvollziehen. Und der Text von Markus gefällt mir im Übrigen sehr gut.
13.03.2010 01:50 Kommentar von The North Face

Oh je!

Nun müssen sich die Jungen (oder Alten) ihre Namen schon von Marken herleiten. Ein Blick ins GMX-Forum lohnt, um sich ein wenig kreativer zu betätigen. Dann doch lieber Unfug, als schnöde Biederetten-Einfältigkeit. Und was den Kommentar angeht: Kritik ist Kritik. Kein Text kann ohne Kritik. Natürlich kann uns ein Text gefallen. Aber auch ein Baum, ein Berg oder eine Blume. Allein, der Text ist von jemandem gemacht. (Nun mag es auch Leute geben, die dies für Baum, Berg und Blume annehmen, aber lassen wir das dahingestellt.) Nun ist es noch nicht mal Kritik, es ist ein freundlicher Hinweis, die Meinung eines (ja vielleicht auch schreibenden) Lesers. Diese Meinung enthält ein Interesse am Text und allein daraus leitet sich schon ihre Daseinsbestätigung ab. Was aber unser Markennotizbuch angeht: Wenn hier nicht mehr folgt, dann haben wir einen typischen, aber immerhin markentechnisch normierten Troll. Wir könnten auch Flamer oder Hater dazu sagen. Aber wir tun es nicht. Es mag ja noch mehr folgen ..
14.03.2010 16:55 Kommentar von Moritz Gause

Um noch einmal

auf den Vorwurf der Pedanterie zurückzukommen : zunächst schlage ich vor, Pedanterie durch Akkuratesse zu ersetzen. Ich gebe zu, dass ich in meiner Kritik sehr ins Detail gegangen bin. Man mag mir vorwerfen, ich betriebe Wortklauberei; ich entgegne : Nein! Derjenige, der einen solch kurzen Text schreibt, ist dazu VERPFLICHTET, Wortklauberei zu betreiben. Und zwar, weil dieser sehr kurze Text - auch wenn er Handlungsmomente enthalten mag - sehr stark mit einer detaillierten Bildlichkeit arbeitet. Das ist schön, bringt aber ein Problem mit sich : je knapper der Text, je detaillierter die Beschreibung, desto mehr Gewicht liegt auf dem einzelnen Wort, auf jedem Detail der Beschreibung; wenn EIN Wort, EIN Detail nicht passt, unstimmig ist, verliert der Text ungemein an Wirkung. Markus weiß das, und an einer entscheidenden Stelle - der des Absprungs - flüchtet er sich in zwei Wendungen, die 1. behaupten, statt aufzuzeigen, und 2. sehr zweifelhaft gefügt sind. Es sind die zwei Halbsätze "wirbelte eine Bewegung" und "peitschte wie ein Schuss in der Halle". Leider ist die Ausflucht nicht geglückt. Wenn stattdessen die Dynamik des Absprunges mithilfe einer genaueren Beobachtung geschildert würde, gewänne der Text, anstatt an dieser Stelle einzubrechen. Außerdem ist die Satzstruktur im gesamten Schachtelsatz hemmungslos überlastet, in dieser Sequenz, die uns den Sprung zeigt. Es hat nichts mit Pedanterie zu tun, wenn ich eine funktionierende Syntax erwarte.
12.06.2010 21:56 Kommentar von B. Schreiber

Syntax und Dynamik

Ich muss Herrn Gause recht geben. Als selbst nicht schreibenden Leser bereitete auch mir der Satz Kopfzerbrechen. Nebensätze, egal wie viele es sind, haben ihr Prädikat erst am Ende. Wenn es zu unübersichtlich wird, ist die Wiederholung eines "als" oder "und" vielleicht angebracht, vielleicht könnten auch einschübe mit Bindestrichen helfen.
Wenn der Aufbau stimmig ist, erübrigt sich auch die Wiederholung des "just an dem Tag danach" .... Ich habe mal versucht die genannten Punkte umzusetzen:

Am Tag, nach dem diese kleine Eisläuferin im Finallauf einen vierfachen Salchow versuchte, bei dem sie zunächst scheu, ganz bei sich ein paar Runden über die Fläche schwebte, pirschte, sodann abhob, in die Höhe geschnellt, eine Bewegung wirbelte, die wie ein Schuss in der Halle peitschte, dann wieder das Eis berührte mit der Kufenspitze, ich glaube der des linken Fußes, der linke muss es gewesen sein, und als es war als habe sie die Schraubfigur schon beendet, als wollte ihr ein Lächeln schon gelingen, sich ein Zucken löste, von ihrem Fuß aus durch den Körper fahrend - alle sahen, dass sie die Kraft ihrer Drehung nicht aushielt, sie hatte zuviel Schwung hineingelegt, knickte ein, brach in sich zusammen, das Eis unter ihr blieb hart, wollte nicht nachgeben, sie die Figur ausgleiten lassen, zwang sie einzubrechen, auszuschlittern - und sie, das Gesicht auf die glatte Fläche gedrückt, keine Blicke für die Welt, aus dem Bild rutschte, traf ich meinen Nachbarn Konrad im Hof und er hatte einen schwarzen Regenschirm bei sich.    

Abgesehen von der Syntax finde ich aber auch die Reihenfolge mitunter befremdlich. Wieso beispielsweise bricht sie erst ein und schlittert dann aus?
Die Einfachheit und Banalität (...schwarzer Regenschirm...) kontrastiert aber äußerst gelungen.
Und das Bild mit der Taube: Großartig.

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