Die Totgesagte
von Isa Teschke
Die Totgesagte
Später kamen Stunden
Wo es ganz still war.
Langsam fraß der Wald
In leichtem Wind, bei guter Sonne,
Die Wiesen in den nächsten Wochen auf.
(Berthold Brecht, Von des Cortez Leuten)
Banana Courtyard, Mary hier.
Hallo. Ich habe für das Wochenende ein Zimmer reserviert und wollte fragen, ob schon Details zu Evakuierung bekannt sind. Ich meine, ob evakuiert werden muss.
Honey, wir werden nicht evakuieren. Mein Mann ist eben einkaufen gegangen, für die Gäste am Wochenende.
Ich weiß nicht, der Wetterbericht sieht ziemlich schlecht aus.
Ja, wir werden ein paar Tage mieses Wetter bekommen. Aber du brauchst dir keine Gedanken zu machen, wir haben einen Stromgenerator.
Ich weiß wirklich nicht. Vielleicht weiß man morgen mehr über den Verlauf des Hurricanes.
Ok, wir sprechen uns morgen.
Marys Stimme ist weich und tief. In meinem Kopf ist sie um die fünfzig, milchkaffeefarbene Haut. Ich mag wie sie die Silben dehnt. Beruhigende Silben.
Am nächsten Tag steht fest: Die Stadt wird ab Freitagvormittag, zehn Uhr, vollständig evakuiert. Danach: Ausgangssperre. Diesmal soll alles anders werden.
Ich rufe im Banana Courtyard an und verschiebe meine Reservierung um ein Wochenende. Lege auf, erleichtert, enttäuscht, ein bisschen wütend.
Samstagmorgen. Seit Baton Rouge ist es ruhig auf der Straße, in beide Richtungen. Autos stehen in unregelmäßigen Abständen an der Böschung. An den Windschutzscheiben kleben rosa Zettel. Diesmal sind die meisten freiwillig gegangen.
Hier reicht der Wald bis an die Straße. Das Unterholz ist dicht, man sieht nicht, wo der Sumpf anfängt. Das Wasser steht noch in den Gräben, fünf Tage nach dem Sturm. Ein unheimlicher Gedanke, hier aussteigen zu müssen. Ich suche nach einem gutem Radiosender.
Eine dreiviertel Stunde später gibt der Wald die Sicht frei. Der Interstate verläuft jetzt auf Pfeilern, eine endlose Betonbrücke über braunes Gewässer: Lake Pontchartrain. Dahinter kommt die Stadt. Ich kneife die Augen zusammen und suche nach einer Silhouette. Die Abfahrt nicht verpassen.
Banana Courtyard, wir sitzen im Esszimmer. Mary hat wirre, graue Haare und trägt Shorts mit Camouflage-Muster. Mit einem gelben Marker zeichnet sie mir auf dem Stadtplan den Weg zur Bourbon Street ein. Ich versuche dem Marker zu folgen, aber mein Blick wird von dem alten Schnickschnack abgelenkt, der sich im ganzen Haus bis unter die Decke stapelt.
Du bist dann richtig, wenn du den ersten Betrunkenen siehst sagt sie und lacht. Manche Dinge ändern sich nicht.
Die Stadt ist nicht mehr das, was sie mal war, sagen sie im Fernsehen, werfe ich ein. Mary legt den Stift hin.
Sie hat sich sehr verändert. Viele Leute sind weggangen, viele Musiker. Nicht alle konnten sich das Zurückkommen leisten. Im French Quarter haben wir noch Glück gehabt, die haben sich damals den höchsten Punkt ausgesucht für ihre Stadt. Mary zuckt mit den Schultern. Es hat vorallem die tieferliegenden Viertel erwischt. Nie hätte man da bauen dürfen. Jetzt holt es sich der Sumpf zurück. Ach, du wirst sehen, in den Kneipen reden sie immer noch alle über Katrina.
Dann schnappt sie sich das schnurlose Telefon, ein klobiges Exemplar. Sie hat mir ein paar Bars empfohlen und will nachhören, ob das Musikprogramm so stattfindet, trotz Sturm-Nachwehen.
Der Holzboden knarrt. Ich lege das Buch über die Friedhöfe von New Orleans zurück auf den Stapel. Mary sitzt am Tisch, mit einem Haufen Rechnungen vor sich. Sie lächelt mich an.
Ein unglaubliches Buch, oder? Hast du Marie Laveaus Grab gesehen?
Ich nicke. Auf dem Foto. Es gibt hier so viel zu sehen. Zu den Friedhöfen habe ich es noch nicht geschafft. Korrigiere mich. Ehrlich gesagt, so kurz nach dem Hurricane, ich weiß nicht ob das eine gute Idee wäre.
Mary lächelt wieder. Katrina hat viele Leichen wieder an die Oberfläche gebracht. Die Toten unter der Erde zu halten, das war hier schon immer ein Problem.
Vor meinem inneren Auge sehe ich alte Särge und neue Tote im Wasser treiben. Verstehe langsam, warum sie heute morgen im French Quarter die Bordsteine mit Zitronenseife gewaschen haben. Aufräumen und sich fertig machen für eine weitere lange Nacht.
Mein zweiter und letzter Abend. Die feuchte Luft klebt mir die Handtasche an den Arm. Ich schlendere zur Bourbon Street. Gestern: Menschenmengen, heute geht es schneller und schon bin ich am Ende der Touristenmeile angekommen. Unentschlossen bleibe ich stehen. Eine Frau steht auf der Türschwelle einer Bar und lächelt die Passanten an. Sie ist mir schon gestern aufgefallen, die einzige weibliche Türsteherin der Bourbon Street. Ich lasse mich hereinlächeln: Freie Platzwahl, der Club ist leer. Vier ältere Herren in grauen Anzügen sind die Band. Ich sehe mich um und stelle fest, dass ich in einem deutschen Museum gelandet bin. Es gibt Paulaner Weizen, eine Kuckucksuhr und über dem Kopf des Schlagzeugers hängt ein Blechschild, da steht „Alles Gute zum 60. Geburtstag“. Pause. Der dicke Bandleader setzt sich neben mich an die Bar. Er bestellt Whisky und fragt, ob mir die Musik gefällt. Wo ich herkomme. Deutschland, jaja. Lächele verlegen. Der Bandleader nickt und grinst zurück. Er denkt bestimmt an die Dekoration und dass sie mir gefällt. Obwohl das nicht der Fall ist, fühle ich mich enttarnt. Er zum Rauchen auf die Straße, eine fette Bandleader-Zigarre. 1:1 bei den Klischees. Ich frage den Barkeeper warum der Club so leer ist. Er kratzt sich am Kopf, murmelt, hm…komisches Wochenende…der Hurricane letzte Woche und so…sind noch nicht wieder alle zurück…und die Touristen…ja, komisches Wochenende. Er kramt in einem Stapel CDs bis die Band zurückkommt und weiterspielt. Ich zahle mein Getränk, lege noch zwei Dollar in das Trinkgeldgefäß der Musiker.
Draußen ist jetzt mehr los, Autos werden entladen. Letzte Evakuierten kommen zurück, Montag ist ein normaler Arbeitstag.
Auf der Veranda vom Banana Courtyard brennt eine gelbe Moskitokerze. Der Zitronengeruch konkurriert mit den Magnolien aus dem Nachbargarten. Ich, auf meinem neuen Lieblingsplatz in der Hollywoodschaukel. An der Hauswand daneben ist ein Schild angebracht, „REBIRTH“, entziffere ich wenn ich mich auf den Kopf stelle. Von irgendwoher kommt Musik, vielleicht ein langsamer Blues, vielleicht bilde ich das mir aber auch nur ein. Es müsste ein langsamer Blues sein.
In der Nacht steht Marie Laveau in meinem Zimmer und trägt das viktorianische Nachthemd, das sonst an der Wand neben der Tür hängt. Sie setzt sich auf die Chaiselongue gegenüber von meinem Bett, nimmt die Kette, die ich gestern in dem Mardi Gras-Laden gekauft habe und lässt die Plastikperlen durch ihre Finger gleiten. Dann fängt sie an, aus dem Friedhofsbuch zu zitieren.
St. Louis Cemetery No.1 ist die älteste und bekannteste aller Grabstätten der Stadt. Hier findet man das viel besuchte Mausoleum von Marie Laveau, die im 19. Jahrhundert als Voodoo-Königin von New Orleans galt. Sie machte den Voodoo massentauglich indem sie als Erste Voodoo-Bräuche mit christlichen Elementen kombinierte. Es ist durchaus fragwürdig, ob in dem Grab tatsächlich die Überreste der einstigen Voodoo-Königin beerdigt sind. Manch einer vermutet dort vielmehr die Knochen ihrer jüngsten Tochter. Auch diese hörte auf den Namen Marie Laveau und wies darüberhinaus eine erstaunliche Ähnlichkeit mit ihrer Mutter auf. Vielen Stadtbewohnern fiel es daher nicht auf, als die erste Marie Laveau im Jahr 1881 verstarb, denn die Tochter nahm umgehend ihren Platz ein. Auch heute ist die Erinnerung an die Voodoo-Königin in der Stadt noch präsent. Jedem Besucher, der mit Ziegelstein drei Kreuze an die Grabwand malt, erfüllt sie angeblich einen Wunsch...
Marie Laveau lacht leise und verschwindet in meinem Bad.
Am nächsten Morgen stopfe ich meine verschwitzten Kleider in die Reisetasche. Zu Hause werden mich alle fragen, wie es war, ob noch etwas übrig geblieben sei, von der Stadt. Von Katrina wird sie sich nie wieder erholen, stellte das deutsche Fernsehen damals fest. Zu Grabe getragen mit Live-Aufnahmen aus dem Superdome, im Hintergrund lief wohl „Do you know what it means…“. Ich überlege lange, was ich zu Hause erzählen werde. Vom Geruch nach Räucherstäbchen, Exkrementen und Zitronenseife. Ich denke an die Jazzband von gestern Abend, an die Stille in den Nebenstraßen, an die mit Brettern versperrten Häuser, deren Preise mit jedem weiteren Sturm steigen. Auf einer Holzplatte: „New Orleans is dead. Long live New Orleans“. Ich finde, nach den vielen langen Nächten hat sich das French Quarter das Ausschlafen verdient.
Die Tasche ist gepackt, bis auf eine Kleinigkeit. Aber egal in welchem Winkel ich suche, meine Mardi-Gras-Kette bleibt verschwunden.
Ich verlasse die Stadt vor dem Mittagessen. Vor mir liegen 350 Meilen Rückfahrt. Lake Pontchartrain glänzt himmelblau in der Sonne während die Autos mit den rosa Zetteln weiter auf den Abschleppdienst warten. Der Radiosender fängt an zu spinnen, ich schalte vor und zurück. Die Frequenz ist nicht mehr belegt. Suche die Wasseroberfläche nach Alligatoren ab, kann aber keine entdecken, nur Baumstämme, Wurzelsuppe. Dann fangen die Wälder wieder an. Als ich in den Rückspiegel schaue, schließt sich das Grün hinter mir.

