Irgendwann, Mitte April, vielleicht auch später, irgendwo. Replik auf eine Replik.
von Björn Jager (Team)
Ich befinde mich: irgendwo. Den Bezug habe ich verloren, zur Zeit, zum Raum. Orte spielen keine Rolle mehr. Der Schnee der letzten Monate ist geschmolzen, Brachland liegt vor mir, wo sich noch vor Wochen die weiße Fläche über Dächer, Gärten, über die Ufer des Flusses ausgebreitet hatte, Brachland, Schnee, beides dasselbe, beides gleichermaßen nivellierend, beides vernichtet die Unterschiede.
Ich befinde mich irgendwo, und es ist ja auch eigentlich egal, wo ich mich befinde, jetzt, da ich mich nicht mal mehr bei mir selbst befinde. Irgendwas in mir hat sich abgelöst, im Dezember, glaube ich, ist verloren gegangen, hat einen Spaziergang aus mir heraus gemacht und den Weg zurück nicht mehr gefunden, oder besser: noch nicht wieder, denn die Hoffnung bleibt, dass es zurückkehrt, die Sonne ist schließlich auch wieder zurückgekehrt, ein Umstand, mit dem in den letzten Monaten ebenfalls niemand gerechnet hatte.
Was mir nicht abhanden gekommen ist, stelle ich fest, ist der gedehnte Blick. Auch im Nirgendwo, wie man ein Irgendwo ebenso trefflich bezeichnen könnte, haftet mein Auge an den Dingen. Dinge eben, sie liegen dort rum, hier eine leere Wasserflasche mit zerbrochenem Hals, ich imaginiere: ein Mädchen. Ein Mädchen auf dem Weg nach Hause, Training, vielleicht Eiskunstlauf. Nichts ist glatt gegangen, der Salchow wurde nicht gestanden, nicht mal der einfache. Die Übungsleiterin schickt sie in die Kabine, War wohl heute nichts, kannst duschen gehen, nächstes Mal mehr Konzentration!, ein Tritt gegen die Tür der Eishalle, der Wind, und nicht nur der, lässt die Augen der kleinen Eisprinzessin, was heißt hier Eisprinzessin?, momentan wohl eher Eisstiefkind, der Wind jedenfalls (und anderes auch) lässt sie tränen, die Augen, ein Griff in die Tasche, ein Schluck Wasser, der Arm hebt sich, mit einem Schwung aus dem Handgelenk wird die Flasche unglaublich elegant und nicht minder zerstörerisch an die Rinde einer Buche geschmettert. Und liegt nun hier, tot, mit gebrochenem Hals, naja, denke ich, besser die Flasche als das Mädchen.
Plötzlich ist da dieser Vogel. Wo eben noch der Blick über die Flasche glitt, hockt nun eine fette Dohle (corvus monedula, Spannweite bis zu 70 Zentimeter, gehört zur Gattung der Raben und Krähen, gilt da aber eher als Zwerg, weil alle anderen halt doch größer sind, man sieht, mein gedehnter Blick reicht weit, manchmal sogar bis zu Wikipedia). Die Dohle jedenfalls sitzt nur herum, macht keinerlei Anstalten, ihren Platz freizugeben, nicht mal dann, wenn ich wild mit den Armen wedele oder sie beschimpfe. Sie starrt. Ich starre. Nochmal schimpfe ich wedelnd. Die Sonne lässt die weichen Kopffedern leuchten, während die Augen unverwandt blickend auf mich gerichtet sind.
Nach einer ganzen Weile wird mir die Sache zu bunt, und ich akzeptiere (ohne Wedeln und mit nur noch leisem, wehklagendem Schimpfen), dass die Dohle das Blickduell für sich entschieden hat. Ich wende mich von ihr ab, drehe mich um und – im Irgendwo neben mir erkenne ich das alte Wehr, dort, wo gerade eben noch so ziemlich nichts war. Die Sonne ist ja auch zurückgekehrt, denke ich, warum also nicht obendrein der Rest?

