Winterzeit
von Katrin Diel
Die Nachmittagssonne färbt den Kirchturm rot, für einen Moment nur, bevor sie untergeht. „Das Auto, wo ist das Auto?“, ruft sie, sieht mich an mit unruhigen Augen, in denen kaum noch Hoffnung ist. Er hat das Auto immer in den Hof gefahren, früher, wenn er hier war zum Arbeiten. Dann nicht mehr so oft und schließlich nur noch an manchen Tagen. Ich konnte ihn sehen durch das Küchenfenster, manchmal hat er gewunken mit schwacher Hand, ich wusch das Geschirr ab, kochte Tee, goss die Blumen auf der Fensterbank. Die Scheibe spiegelte, so konnte ich nicht gut sehen, wie eingefallen seine Augen waren.
Sie hat gemerkt, dass das Auto nicht mehr kommt. Sie stellt Fragen, aber meine Antworten nimmt sie nicht wahr. Ich weiß nicht, ob sie sich erinnert an die Blumen, die wir zusammen gekauft und in die frische Erde gesetzt haben. Sie hat sich danach den Schmutz von den Händen gewaschen, im Badezimmerspiegel haben sich unsere Blicke getroffen und sie hat nach dem Auto gefragt. „Wieso kommt das Auto nicht?“, jeden Tag diese Frage. Sie fragt nicht nach ihm, seinen Namen erwähnt sie nicht. Sie steht am Fenster mit ihrer zierlichen Gestalt, den ganzen Tag lang, und schaut suchend in den Hof, in den jetzt sanft der Schnee fällt.

